Entflechten im Berner Wylerfeld


Entflechten heisst es für die SBB im Berner Wylerfeld. Am Knotenpunkt der zwei vielbefahrenen Strecken Zürich - Bern und Thun - Bern wird bis 2022 Platz geschaffen. Die Projektkosten belaufen sich auf rund 270 Mio. Schweizer Franken. Michel Martig, dipl. Baumeister in der Abteilung Tiefbau der Firma Frutiger AG, erklärt, welche Infrastrukturbauten dafür notwendig sind.

Die Sonne brennt ungewohnt stark vom Himmel für einen Tag im März. Aber in der Baubaracke ist es kühl. Obwohl die Zugfahrer unter uns sicher schon oft an dieser Baustelle vorbeigerauscht sind, gibt es zu Beginn einiges zu erklären. Die gesamte Baustelle erstreckt sich über rund 5 Kilometer zwischen den Bahnstationen Wankdorf und Bern. Momentan wird an 3 Losen gebaut. Für das Los 1 und 3 ist Michel Martig, dipl. Baumeister bei der Frutiger AG verantwortlich. Für die Bauarbeiten der beiden Lose haben die Frutiger AG und die Marti AG eine Arbeitsgemeinschaft gebildet. Das Los 2 baut die Strabag. Kurz und knapp erklärt Martig anhand der Pläne, um was es geht. Und damit das verständlich wird, greift er ein wenig vor. Das eigentliche Herzstück dieser Grossbaustelle ist ein rund 1000 Meter langes Unterquerungsbauwerk mit zwei Rampen, dessen Bau momentan noch nicht vergeben ist. Martig und sein Team kümmern sich seit anfangs 2016 um die Vorbereitung für den Unterquerungstunnel, der das Kreuzen auf den oberen 10 – 11 bestehenden Geleisen vereinfachen wird und so für mehr Pünktlichkeit sorgen soll.

Im Los 1 werden ein 260 Meter langer Mischwasserkanal der Stadt Bern, ein Wasser-Staukanal der SBB von rund 200 Metern Länge und ein 52 Meter langer Elektro-Kabelstollen der SBB gebaut. Alle wurden mittels Microtunneling erstellt. All diese Kanäle müssen rund 15 Meter tiefer in den Boden verstaut werden, damit sie den Tunnel problemlos unterqueren. Das hat zur Folge, dass jeweils auch je zwei Zugangsschächte für den Unterhalt erstellt werden mussten, die beinahe die Dimensionen von Einfamilienhäusern haben. Später - auf der Baustelle – wird Polier Lorenz Strahm auf uns zukommen. Wenn das kein Schwinger ist. Sein Händedruck bleibt in Erinnerung ebenso wieder der träfe Spruch: „Ich muss mal schauen, was du da fotografieren willst!“ Aber zu verstecken hat er natürlich nichts – und klar ist er Mitglied von Baukader Schweiz und meint denn auch: „Du bist etwas spät, drei Zugangsschächte sind grösstenteils schon wieder im Untergrund verschwunden.“

Zurück zu den Plänen. Im Los 3 spielen zwei neue Stahlbogenbrücken mit einer Fahrbahnplatte aus Stahlbeton die Hauptrolle. Die Scheibenbrücke mit den Massen von 44.5 x 10 Metern und die fast doppelt so lange und breite Stauffacherbrücke mit 70.5 x 15.5. Metern. Beides wichtige Brücken für Bern, die unter anderem die Quartiere Breitenrain und Wyler verbinden.

Kein weisser Helm, bitte!

Aber das muss man sehen: Orange Hose, orange West und ja kein weisser Helm. Der ist bei der SBB bekanntlich den für die Sicherheit Zuständigen vorbehalten. Wir steigen in Martigs Kombi. Zu Fuss kommt man auf einer Baustelle dieser Dimensionen nicht vom Fleck. Martig kennt das Quartier mittlerweile wie seine Westentasche. Wir beginnen bei der kleineren Scheibenbrücke, die im April 2017 für den Verkehr freigegeben wird und somit nächstens fertig ist. Begonnen haben die Arbeiten hier im Frühling 2016. Zuerst wurde die bestehende Brücke in einem Stück während einer nächtlichen Gleissperrung herausgehoben und im freien Bereich neben den bestehenden Geleisen bis zum Abbruch zwischengelagert. Die alten Widerlager aus Steinmauern wurden durch neue Widerlager aus Beton ersetzt. Parallel dazu wurde, ebenfalls neben den bestehenden Geleisen, die neue 147tönnige Stahlbogenbrücke erstellt. Während einer weiteren Gleissperrung in der Nacht vom 5. Auf den 6. November 2016 wurde sie mit einem 750 Tonnen schweren Grosskran, dessen Montage vor Ort allein drei Tage dauerte, auf die Widerlager gehoben. Eine Besonderheit ist, dass die Brücke wegen der Montage der Werkleitungen vorerst rund zwei Meter erhöht abgesetzt wurde. Nach Abschluss der Betonarbeiten und der Montage der Werkleitungen, wurde die Brücke, ebenfalls in einer Nachtsperrung, um knapp 1.80 m abgesenkt auf die definitive Lage versetzt.

Weiter geht’s zur Stauffacherbrücke, bei der mit einer Länge von 70.5. Meter eine andere Lösung für die Positionierung über den Bahngeleisen gefunden werden musste. Baubeginn war im Oktober 2016. Und da die Brücke fast doppelt so lang ist, wie ihre kleinere Schwester, wurde sie in zwei Teilen erstellt. Zuerst wurde die eine Hälfte neben den Geleisen erstellt und in einer nächtlichen Gleissperrung im Februar 2017 auf provisorische Hilfsstützen parallel zur bestehende alten Brücke gehoben. Die zweite Hälfte der Brücke wird momentan fertiggestellt und direkt an die erste Stahlbogenhälfte montiert. Schlussendlich liegt die gesamte Brücke auf zwei Hilfsstützen. Nach dem Rückbau der bestehenden Brücke und der Erstellung der neuen Widerlager, wird die neue Stahlbogenbrücke mit einem Quer- und Längsverschub an ihre endgültige Position gebracht. Eröffnet wird sie voraussichtlich im Frühling 2018.

Und wieviel Manpower braucht’s da? „Ein Baumeister, zwei Bauführer, drei Poliere und mehrere Vorarbeiter.“ Kommt’s wie aus der Pistole geschossen. Insgesamt seien Momentan rund 45 Bauprofis auf der Baustelle. In der intensiven Zeit Ende 2016 waren‘s deren 70.

„Bauen unter laufendem Verkehr ist immer eine Herausforderung“, sagt Martig. Trotzdem: „Wenigstens haben wir in der Regel genügend Platz.“ Zumindest wenn man bedenkt, dass wir hier eigentlich fast Mitten in der Stadt Bern stehen, stimmt das sicher. Aber mehr wäre immer praktisch, das ist klar. Herausfordernd sei es denn auch, wenn die Bauprofis von Frutiger AG und Marti AG denjenigen der Strabag in die Quere kommen. Und:„ Klar haben wir Druck, aber den grössten Druck macht man sich doch immer selber“, sinniert Martig und doppelt nach: „Ich mache meinen Job extrem gerne und mit einem tollen Team, wie ich es hier habe, macht es einfach Freude.“ Man glaubt’s ihm aufs Wort.


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